Sanfte Hände, sanfte Füße?

An diesem Tag wollte ich den Gutschein, den ich von guten Fre­un­den bekom­men hat­te, ein­lösen. Ich park­te mein Auto zehn Gehminuten vom Mas­sage­sa­lon ent­fer­nt, denn ich wollte sich­er gehen, beim möglichen Zusam­men­tr­e­f­fen mit Bekan­nten nicht mit meinem Ziel in Verbindung gebracht zu werden.

Ich hat­te einen Gutschein für eine Thai-Mas­sage in der Hosen­tasche. Mir war mul­mig, und glauben Sie mir: Frei­willig wäre ich dort nie hinge­gan­gen! Aber ein Präsent sollte man nicht ver­schmähen, sagte ich mir.

Hel­zlich Willkom­men“, begrüßte mich eine Frau Mitte dreißig.

Zum elsten Mal hier?“, wollte die brünette Thailän­derin wis­sen, die blaue Jeans trug und einen Wollpullover, der bis unters Kinn reichte.
Ich war über­rascht, antwortete aber schnell: „Ja ja, das ist das erste Mal für mich. Ich habe einen Gutschein bekommen.“

Na, dann du lassen dich mal velwöhnen!“
Ich merk­te, wie eine leichte Rötung mein Gesicht über­zog. „Ziehen elst mal Sock­en aus“, sagte die Thailän­derin. Ich blick­te sie fra­gend an und begann dann, an meinem Hosen­bund zu nesteln.

Hi hi“, kom­men­tierte die Masseurin meine ersten Hand­lun­gen und meinte: „Nur Sock­en ausziehen und Hose­beine hochziehen.“ Dann ver­schwand sie. Ich war irri­tiert. Kurze Zeit später kehrte sie zurück – mit ein­er Schüs­sel voll Wass­er. Die stellte sie vor meine Füße und bat mich, sie in die Schüs­sel gleit­en zu lassen. Dann massierte sie meine Zehen und lächelte.

Ich begann mich zu entspan­nen. Nach zehn Minuten war die Fuß­mas­sage zu Ende. Danach sollte ich es mir bäuch­lings auf der Liege bequem machen. Ich entledigte mich mein­er Sock­en, der Hose, des Hemds, des Unter­hemds. Danach wollte ich die Unter­hose ausziehen.

Stopp“, unter­brach mich die schmun­zel­nde Masseurin in meinem Taten­drang, „Untel­hose bitte anlassen. Hi hi hi.“

Ich ließ augen­blick­lich ab von mein­er Unter­hose und dachte mir: „Ok, dann lege ich mich fürs erste mit der Unter­hose auf die Liege.“

Die Thailän­derin begann mit ihrer Arbeit. Ich wurde mit warmem Öl begossen und massiert – an Armen und Beinen. Dann ging es zum Nack­en. Dort drück­te die Dame ihre Dau­men in meine Haut, als wolle sie vor­drin­gen ins Innere meines Kör­pers. Ich war mir nach einiger Zeit nicht mehr sich­er, ob sie mit Zeigefin­ger und Dau­men nicht schon die Ober­fläche der Liege erre­icht hat­te. Ich ver­fiel augen­blick­lich in eine radikale Vol­lverspan­nung, die sich vom Kopf über die Schul­tern und den Rück­en bis hin­unter zum Beck­en erstreck­te. Ich hat­te das Gefühl, in ein­er Gipss­chiene zu liegen, die jegliche Bewe­gung mein­er Glied­maßen ver­hin­derte. Inklu­sive jen­er, die ich ursprünglich in Ver­dacht hat­te, dass sie ein­er Entspan­nung zuge­führt wer­den würden.

Plöt­zlich begann die Dame über mir, mit bei­den Hand­kan­ten auf mich einzuschla­gen. Hat­te ich soeben das Split­tern eines Knochens gehört? Wo nur war ich hier gelandet?

Du sehl velspan­nt. Immer viel albeit­en, odel?“

Ähh, ja. Das tut übri­gens ziem­lich weh“, ächzte ich und ver­suchte, meinen Kopf zur Seite zu drehen und nach oben zu beu­gen. Plöt­zlich spürte ich einen Stich an der Hal­saußen­seite. Sofort ließ ich den Kopf wieder sinken.

Du nix dle­hen. Nix gut fül Wilbel­säule. Liebel vel­suchen zu entspannen.“
„Komik­erin“, schoss es mir durch den Kopf. Sie trak­tierte mich seit Minuten, quälte mich, peinigte mich und ver­langte allen Ern­stes von mir, mich zu entspan­nen. Nach ein­er Stunde war der Spuk vor­bei. Ich hat­te noch immer meine Unter­hose an, das Öl auf mein­er Haut war längst verdampft.

Als ich angek­lei­det in den Vor­raum des Mas­sage­sa­lons gehumpelt war, reichte mir die Haush­er­rin eine Tasse mit Tee und meinte mit ver­schmitztem Blick: „Hoffe, Mas­sage hat dil gut­ge­tan. Ein paal Män­nel manch­mal ent­täuscht, weil denken, das seien hiel Elotik­mas­sage. Is abel bei mil seliöse Massage.“

Ich nippte am Tee, sah sie mit großen Augen an und meinte: „Ja ja, typ­isch Män­ner eben.“

Fred­dy Schissler 

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