Freddy Schissler

Freddy Schissler
Kolumnist / Autor

Ein etwas zu großes Homeoffice-Bäuchlein, die richtige Kleiderwahl bei Konzerten oder misslungene Webinare – es sind stets die alltäglichen Dinge, mit denen sich unser Kolumnist Freddy Schissler auf witzige und skurile Weise beschäftigt.

Ein Seniorenticket, bitte!

Haben Sie einen Lieblingstag im Jahr? Die einen antworten auf diese Frage, ohne auch nur eine Tausendstelsekunde zu überlegen, mit einem Ja – ihren Geburtstag. Dann gibt es Menschen, die benötigen ein paar Augenblicke mehr, um sich festzulegen, entscheiden sich aber ebenfalls für ein Ja – auch ihr Geburtstag. Und schließlich gibt es jene, die offenbar die Stirn in Falten legen und sich letztlich für ein Kopfschütteln entscheiden – auch sie denken bei dieser Frage an ihren Geburtstag. Das sind jene Menschen, die am liebsten aufhören würden, Geburtstage zu feiern und vor allem: sie zu zählen.

Sie ahnen es? Ich habe in diesem Jahr Geburtstag feiern müssen. Natürlich gelang es mir nicht, diesen Tag aus dem Kalender zu streichen und einfach ungezählt zu lassen. Ich hätte mir genau das zu diesem Anlass als Präsent gewünscht. Gewiss kenne ich den Satz, man(n) ist nur so alt, wie man sich fühlt; mit dem Alter kommt die Weisheit. Wunderbare Sätze, die an meinem geplagten Seelenzustand nichts ändern konnten. Aber das ist Schnee von gestern. Ich lächle wieder, atme auf, gehe aufrecht und greife gerne zu meinem Personalausweis. Die Erlebnisse der jüngsten Wochen haben mir Lust und Laune und Frohsinn zurückgebracht.

Erstmals im Urlaub in Budapest, mit Frau und Sohn. Schon Stunden unterwegs in dieser Millionenstadt, nahmen wir für den Nachhauseweg zum Hotel die Straßenbahn – ziemlich überfüllt, selbst die Stehplätze waren so rar, dass man den Fuß des Nachbarn auf dem eigenen spürte. Also das erzählten später meine Frau und mein Sohn. Ich hingegen kann das nicht bestätigen, denn nach der bereits oben erwähnten Tausendstelsekunde sprang ein ungarischer Jugendlicher auf und bot mir, (mitleidig) lächelnd, seinen Sitzplatz an. Ich nahm dankend an – und lächelte hinüber zur jung gebliebenen Ehefrau und meinem Sohn.
Später im Restaurant wieder so ein unerwartetes Erfolgserlebnis. Mein Essen wurde vom Kellner günstiger abgerechnet als auf der Speisekarte ausgewiesen – er hatte (mitleidig) lächelnd den Preis für einen Seniorenteller berechnet.
Nach dem Urlaub meinte es mein fortgeschrittenes Leben erneut gut mit mir. Beim Besuch eines Fußballspiels zusammen mit guten (und etwas jüngeren) Freunden, musste ich weniger tief in die Tasche greifen als die anderen – Rentnerkarte. Zugegeben, da habe ich tatsächlich einen Moment überlegt, das ermäßigte Ticket der offenbar zu gutmütig-(mitleidigen) Frau an der Kasse, die mich, ohne meinen Ausweis gesehen zu haben, in die Kategorie der nicht mehr Arbeitstätigen einstufte, wieder zurückzugeben. Das Wort Rentnerkarte klingt nicht unbedingt sexy.

Ich könnte, glauben Sie mir, die Liste der Vorteile noch ein bisschen fortführen. Beim Friseur geht’s schneller, im Fitness-Studio wird Rabatt gewährt und, und, und.

Ich feiere meinen Geburtstag wieder gerne. Noch ein paar wenige, dann starte ich einen ganz neuen Lebensabschnitt. Ich werde wieder studieren. Senioren-Studium in München. Vielleicht miete ich mich ja sogar in eine Studenten-WG ein – mit jungen Kommilitonen(innen).

Freddy Schissler