Teneriffa neu erleben!

Teneriffa

Eine wun­der­bare Natur­wan­derung auf den Spuren des deutschen Forsch­ers Alexan­der von Humboldt.

Ein Eisen­tor versperrt den Weg zum Gipfel. Wir hof­fen, dass es gle­ich aufgeht, um die let­zten Meter zum Pico de Teide hin­auf­steigen zu kön­nen. Der Vulkan auf der Ferienin­sel Tener­iffa ist mit 3718 Metern der höch­ste Berg Spaniens. Man darf ihn nur mit Genehmi­gung besteigen, das Zeit­fen­ster beträgt exakt zwei Stun­den. Wir haben alles richtig gemacht, ste­hen nach mehrtägiger Insel­durch­querung und finaler, schweißtreiben­der Berg­tour pünk­tlich am Tor. Aber nun gibt es Schwierigkeiten und unsere kleine Expe­di­tion droht kurz vor dem Ziel zu scheitern.

Vor vier Tagen sind wir auf Meereshöhe ges­tartet und fol­gen einer sehr speziellen Route auf den Teide: Wir beschre­iten den Weg, den Alexan­der von Hum­boldt vor mehr als 200 Jahren genom­men hat, um den Gipfel zu ver­messen, das Blau des Him­mels mit dem Spek­trom­e­ter zu bes­tim­men und die Pflanzen zu kat­e­gorisieren. Mit dieser Tour hat Hum­boldt die Geob­otanik begrün­det. Am Teide legte er erst­mals Veg­e­ta­tion­sstufen fest, an denen sich for­tan die Wis­senschaft orientierte.

Tener­iffa – eine Insel voller Grüntöne

Hum­boldt berichtet in seinem „Reisew­erk“ sehr aus­führlich über den Teneriffa-Trip und über­rascht uns immer wieder mit Details, die wir heute noch ent­decken kön­nen. Als der deutsche Forschungsreisende am 19. Juni 1799 in Santa Cruz mit der „Piz­zaro“ ankerte, zeigte sich die Insel zunächst von ihrer rauen Seite: „Das Land trat nur undeut­lich her­vor. Ein dicker Nebel ver­wis­chte alle Umrisse.“ Schle­u­nigst machte er sich auf nach La Laguna, der dama­li­gen Haupt­stadt. Hum­boldt spricht ob des küh­leren Kli­mas von einem „köstlichen Aufen­thalt­sorte“ und ent­deckte auf den Häusern „sem­per­vivum canariense“, den kanarischen Hauswurz, der immer noch über­all von den Däch­ern wuchert. Allerd­ings sind die meis­ten Wind­mühlen ver­schwun­den, und die damals 400 Mönche haben sich in vier Non­nen ver­wan­delt. „Manche Reisende behaupten, die Hälfte der Bevölkerung bestehe aus Kut­ten­trägern.“ Hum­boldt über­nachtete bei wohlhaben­den Fam­i­lien, ein Per­silschein des spanis­chen Königs öffnete ihm über­all Tür und Tor.

Gut 100 Jahre vor dem his­torischen Besuch hat­ten die Spanier die Insel erobert und den Sied­lun­gen entsprechende Namen ver­passt. Hum­boldt passierte La Vic­to­ria (Der Sieg) und La Matanza (Das Gemet­zel), wo die königlichen Trup­pen ihre entschei­den­den Schlachten gewan­nen, sie sind ihm aber nur wenige Noti­zen wert. Ihm geht es nur darum, nach La Oro­tava zu gelan­gen. Das ist der Haup­tort des frucht­baren grü­nen Tales im Nor­den Tener­if­fas, der Aus­gangspunkt für seine Bestei­gung sein soll. Hum­boldt hat dort zunächst einen wichti­gen Ter­min: Er inspiziert den Botanis­chen Garten, der damals eine Durchgangs-Station für exo­tis­che Pflanzen ist, bevor sie in das deut­lich rauere Klima des europäis­chen Fes­t­landes gebracht wer­den. Heute hat die Anlage mehr Park-Charakter, Urlauber aus Asien zupfen gerne an den Bart­flechten. Die einzige Attrak­tion ist ein Riesen-Ficus mit Luftwurzeln, so lang wie Dachrin­nen. Im Gegen­satz zu Hum­boldt ziehen wir zügig weiter. Das Tal ist aus einem Erd­sturz her­vorge­gan­gen. Links und rechts wird es von mächti­gen Fel­swän­den bewacht. Wir ori­en­tieren uns nach Osten und haben bald schon Gewis­sheit, dass wir auf der richti­gen Spur sind. Der offizielle Humboldt-Aussichtspunkt gibt den Blick frei auf die Bananen-Plantagen und Kartof­feläcker, die bis zu drei Mal im Jahr geern­tet wer­den. Wer hier steht, kann nicht glauben, dass er sich auf einer kar­gen Vulkan-Insel befindet. Ein Maler kön­nte mit seinem Far­bkas­ten nicht so viele ver­schiedene Grün­töne auf Lein­wand pin­seln, wie uns hier ent­ge­gen leuchten. His­toriker sind sich zwar nicht einig, aber ver­mut­lich hat Hum­boldt über diesen Ort notiert, nir­gendwo sonst auf der Welt „ein so man­nig­faltiges, so anziehen­des, durch die Verteilung von Grün und Fels­massen so har­monis­ches Gemälde vor mir gehabt zu haben“.

Ein Spazier­gang durch vier Vegetationsstufen

Die Aufze­ich­nun­gen über das Oro­ta­vatal zählen zu den umfan­gre­ich­sten der Teneriffa-Reise, und so kön­nen wir immer wieder den Blick­winkel Hum­boldts ein­nehmen, Beson­der­heiten der facetten­re­ichen Land­schaft erken­nen. Verän­derun­gen fallen auch sofort auf. Die „trüb­seli­gen“ Häuser-Ansammlungen haben sich in bunte Sied­lun­gen ver­wan­delt. Man kön­nte meinen, die Bewohner hät­ten einen Wet­tbe­werb ver­anstal­tet, bei dem die abge­fahren­ste Farbe prämiert wurde. Auf pinke Fas­saden fol­gen hell­blaue, rosa Häuschen ste­hen knall­gel­ben Gara­gen gegenüber und rote Dächer konkur­ri­eren mit blauen. Nach Hum­boldtscher Def­i­n­i­tion befinden wir uns jetzt nicht mehr in der 1. Veg­e­ta­tion­sstufe, die er „Zone der Reben“ betitelte. Die Lorbeer-Region (2. Zone) ist aber schnell durch­schrit­ten und man taucht ein in die „Stufe der Fichten“. Da ist dem Forscher ein kleiner Fehler unter­laufen, denn man findet hier auss­chließlich die robuste kanarische Kiefer. Selbst nach einem Feuer wach­sen aus den verkohlten Gerip­pen wieder neue Triebe.

In ihrer Wider­stand­skraft ähneln die Ein­wohner Tener­if­fas ihrem National-Baum, wie wir bei einer Pause in der Wan­der­hütte „La Caldera“ ler­nen. Elena Car­bal­los serviert papas aru­gadas (salzige Kartof­feln) und geschmortes Kan­inchen und wet­tert gegen die Beamten in Oratava, die ihre Hütte platt machen wollen, um ein Erhol­ungs­ge­biet mit Bus­park­platz und Hoch­seil­gar­ten zu erschaf­fen. „Meine Fam­i­lie ist seit 40 Jahren hier. Wir lassen uns nicht vertreiben.“ 300000 Euro müsste Elena für einen Umbau locker machen. „Wie soll das gehen bei unseren Preisen?“ Für 6 Euro wird bei ihr jeder noch so aus­ge­hungerte Wan­derer satt und selbst der kräftig­ste Durst gelöscht.

La Caldera“ ist bis dato die einzig funk­tion­ierende Hütte im Orotava-Tal. Erst nach einem weit­eren stram­men Marsch erre­icht man den Krater­rand mit weit­eren Verpfle­gungssta­tio­nen. Dort ver­ab­schieden wir uns von den let­zten Kiefern. Hum­boldt läutet hier die Stufen vier und fünf ein, die er zusam­men­fast als „öden Land­strich, wo Haufen von Bimsstein, Obsid­ian und zertrüm­merter Lava wenig Pflanzen­wuchs aufkom­men lassen“. Nach­dem wir die ganze Zeit in Wolken und Nebel aufgestiegen sind, sehen wir jetzt endlich den Teide. Seine Kegel-förmige Spitze wächst 1700 Meter hoch aus der Caldera Las Cañadas, einem Vulkankessel mit 17 Kilo­me­tern Durchmesser rund 2000 Meter überm Meer. Wer die Wolk­endecke durch­brochen hat, die sich am Kessel­rand staut, trifft auf eine sur­reale Mond­land­schaft. Die Sonne sticht, der Wind peitscht, unter den Wan­der­stiefeln knirscht es. Der staubfeine Stein, der schaumig-leicht in den Hän­den liegt und dem Mon­taña Blanca (weißer Berg) seinen Namen gab, miss­fiel Hum­boldt ziem­lich: „Wir lit­ten sehr vom erstick­enden Bimmsste­in­staub.“ Hier begann auch für ihn der beschwerlich-steile Auf­stieg, der durch das strup­pige Bar­ranco El Dor­na­jito zum Refu­gio de Altavista führt. Dort oben auf 3260 Metern weist Artemio Lorenzo den Wan­der­ern die Zim­mer zu. Manch einer ist aber auch zu geizig, um 20 Euro für ein warmes Bett auszugeben. „Viele Hol­län­der schlafen lieber draußen“, berichtet Artemio und schüt­telt sich, wenn er an seine käl­teste Nacht denkt, in der das Ther­mome­ter auf minus 18 Grad fiel. Stu­di­en­reisende Wan­derer auf Hum­boldts Spuren hat er noch nicht getrof­fen. Er weiß auch nicht, dass der deutsche Forscher vor gut 200 Jahren hier über­nachtet hat, wen­ngle­ich er das sofort googeln kön­nte, schließlich kann man im Gemein­schaft­sraum den inter­net­fähi­gen Com­puter für drei Euro benutzen. Wir haben keine Über­nach­tung einge­plant und mühen uns kurz später durch Schnee und Eis. Ohne Steigeisen ist der Auf­stieg jetzt eine ziem­liche Rutsch­par­tie – doch der Weg ist nicht mehr weit. Auch Hum­boldt legte an der Ram­bleta eine län­gere Pause ein – allerd­ings nicht, weil er, wie wir, vor einem versper­rten Eisen­tor stand. Er bes­timmte die Höhe des Plateaus unter dem Zuckerhut-Gipfel des Tei­des und lag mit 3546 nur neun Meter unter der heutzu­tage gülti­gen Höhe. Die Seil­bahn spuckt dort Touris­ten in Flip-Flops und Shorts aus. Viele unter­schätzen die alpinen Wet­ter­ver­hält­nisse und stem­men sich mit Bade­tuch gegen den eiskalten Wind. Lei­der hilft auch uns die angemessene Aus­rüs­tung und Vor­bere­itung nicht: Weil der Gipfe­lanstieg vereist ist, haben die Beamten am Teide beschlossen, den Weg für alle zu sper­ren. Was uns bleibt, ist ein let­zter Blick in die Humboldt-Aufzeichnungen, um wenig­stens zu erah­nen, wie es ganz oben ist: „Man erblickt nicht allein einen unge­heuren Meereshor­i­zont (…), man sieht auch die Wälder von Tener­iffa und die bewohn­ten Küsten­striche so nahe, daß noch Umrisse und Far­ben in den schön­sten Kon­trasten hervortreten.“

Chris­t­ian Schreiber

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