Königlicher Ort zum Träumen

ail2_2017_3

Wer einen Sinn für Sehn­süchte hat, muss sich auf den Weg zu Schloss Neuschwanstein machen. Dort wollte vor vie­len Jahren der Bauherr König Lud­wig II. nicht regieren, son­dern lieber sin­nieren, fab­u­lieren und genießen. Den 1,3 Mil­lio­nen Besuch­ern jährlich geht es wie Janet Marie Chvatal, Sän­gerin des Ludwig-Musicals vom For­gensee: Sie staunen, schwär­men und schließen hin und wieder träumerisch die Augen.

Kom­men Sie mit, eine Runde träu­men. Kom­men Sie mit ins Ostall­gäu, dort, wo zwei Königss­chlösser dafür sor­gen, dass nicht nur deutsch gesprochen wird, son­dern auch japanisch und chi­ne­sisch und englisch, franzö­sisch, spanisch, rus­sisch, bul­gar­isch, rumänisch, pol­nisch. Neuschwanstein und Hohen­schwan­gau: Unter­halb dieser bei­den Königss­chlösser befinden sich Park­lätze in hoher Zahl, und den­noch muss man oft Glück und einen guten Blick haben, um sein Auto vernün­ftig abzustellen. Viele Men­schen ver­spüren offen­bar den Wun­sch zum Träu­men, und so spielt vor allem Schloss Neuschwanstein seit langem in der Bele­tage der touris­tis­chen Ziele mit. 1,3 Mil­lio­nen Besucher zieht es jährlich hier­her. Massen von Men­schen auf der Spur eines Königs. Dem Mythos König Lud­wig II.

Rund 200 Meter über der Pöl­latschlucht erin­nern zwei Königss­chlösser an einen Herrscher, dem die Musik und die Kunst wichtiger waren, als Kriege zu führen und Macht zu besitzen. Was ihn ja dur­chaus sym­pa­thisch erscheinen lässt. Ander­er­seits: Ein Träumer, homo­sex­uell wom­öglich und betrieb­swirtschaftlich eine glatte Null, als bay­erischer Monarch, auf dessen Schul­tern das Woh­lerge­hen eines gesamten Volkes ruht? Dessen Auf­gabe es sein sollte, vorauszu­denken und stets einen Schritt schneller zu sein, als andere Monar­chen. Kon­nte das gut gehen?

Ein Fall für Akten­ze­ichen XY

Es ging nicht gut. Der „Märchenkönig“ wurde am 14. Juni 1886 gegen 11 Uhr in der Nähe von Schloss Berg am Starn­berger See tot aus dem Wasser gezo­gen. Zusam­men mit seinem Arzt, Pro­fes­sor Dr. Bern­hard Gud­den. Todesur­sache? Rät­sel­haft und ungek­lärt. Heute wäre der mys­ter­iöse Königstod ein typ­is­cher Fall für Rudi Cerne und sein Akten­ze­ichen XY ungelöst. Sach­di­en­liche Hin­weise am besten an die Bay­erische Schlösserver­wal­tung oder an jedes europäis­che Königshaus.
Immer­hin ist nach dem rät­sel­haften Tod von Lud­wig II. ein Mythos ent­standen. Und ein Schloss im All­gäu, das weltweite Berühmtheit erfahren hat. Im Jahre 1869 hatte Lud­wig II. seine engen Mitar­beiter damit beauf­tragt, den Bau Neuschwansteins zu pla­nen – gle­ich neben Schloss Hohen­schwan­gau. Das hatte Lud­wigs Vater, Max­i­m­il­ian II., in der Zeit von 1832 bis 1836 auf den Ruinen der Rit­ter­burg Schwan­gau aus dem 12. Jahrhun­dert wieder­auf­bauen lassen. Ein flüchtiger Blick genügt heute, um zu erken­nen: Die Königss­chlösser sind ebenso ver­spielt, verträumt und geheimnisvoll, wie der ein­stige Monarch es gewe­sen sein soll. 1884 war das Wun­der­w­erk vol­len­det, 15 Jahre nach Baube­ginn. Na ja, teil­weise zumin­d­est. Denn von ursprünglich 80 geplanten Räu­men sind lediglich deren 15 fer­tig gewor­den. Sie soll­ten die Büh­nen­welt von Richard Wag­ner verkör­pern und in Form einer beein­druck­enden Architek­tur umset­zen. Wag­ner und dessen Musik waren dem König ans Herz gewach­sen. Er verehrte den Kom­pon­is­ten. Und so schrieb Lud­wig einst an den geliebten Musiker: „Die Burg soll im echten Styl der alten deutschen Rit­ter­bur­gen gebaut wer­den und Rem­i­nis­cen­zen aus Thannhäuser und Lohen­grin enthalten.“

Für Lud­wig schien von Anfang an klar: Er wollte dieses neue Zuhause nicht (nur) zum Regieren haben. Eine Auf­gabe, die er ohne­hin nur mit Unbe­ha­gen und Wider­willen erledigte. Nein, dieses Schloss sollte dazu dienen, Muße zum Träu­men zu finden. Die Augen schließen zu kön­nen, um die Sicht freizu­machen für andere Bilder als jene, die die reale Welt zu bieten hatte. Sin­nieren und Fab­u­lieren, danach stand dem bay­erischen König im Ostall­gäu der Sinn. Doch es war ihm nur 172 Tage lang vergönnt, in seinem Traum­schloss zu wohnen. Dann wurde er für geis­teskrank erk­lärt und zum Starn­berger See gebracht. Kurze Zeit später fand man ihn tot im Wasser (siehe oben). Tot oder lebendig? Für die vie­len Königstreuen, die sich in Vere­inen zusam­menge­tan haben, lebt er noch immer. Für Janet Marie Chvatal auch. Die Frau ist zier­lich und klein. Man wird das Gefühl nicht los, als müsse sie ständig auf den Zehen­spitzen ste­hen: beim Tanken an der Zapf­säule, beim Ziehen eines Zug­fahrscheins, beim Ordern in der Eis­diele. Hier am Ufer des Forggensees allerd­ings muss sie sich nicht strecken, um einen freien Blick auf jenes Gebäude zu haben, das majestätisch mit­ten in der Ostall­gäuer Berg­welt thront: Schloss Neuschwanstein. Janet Marie Chvatal ist eine amerikanis­che Sän­gerin. Seit sie im All­gäu lebt, dreht sich bei ihr vieles um dieses Märchen­schloss und dessen ein­sti­gen Besitzer. Ihr Leben ist geprägt von König Lud­wig II.

Mythos Lud­wig II. lebt weiter

Ein wun­der­barer Men­sch“, sagt Chvatal. Sie ist tief einge­taucht in das Leben des früheren bay­erischen Monar­chen, aus beru­flichen Grün­den. Stets gehörte sie als Kaiserin Sisi zu jenem Ensem­ble, das in Ludwig-Musicals die fan­tastis­che Geschichte des Märchenkönigs nach­spielte. Am Rande des Forggensees hat Musical-Produzent Stephan Bar­barino vor 15 Jahren sogar eigens ein opu­lentes Fest­spiel­haus in die Höhe ziehen lassen, um auf der Bühne dauer­haft an Lud­wig II. zu erin­nern. Auch so ein geplatzter Traum. Seine Insze­nierun­gen und auch die Nach­fol­ge­pro­duk­tio­nen sind aus finanziellen Grün­den inzwis­chen von der Bild­fläche ver­schwun­den. Das Fest­spiel­haus aber ist geblieben. Und auch die Erin­nerun­gen an einen Schloss-Bauherrn. „Für mich wird er ewig leben“, sagt die amerikanis­che Sän­gerin und blickt mit glänzen­den Augen hinüber zu Neuschwanstein. Und nochmals das Liebesken­nt­nis: „Ein wun­der­barer Men­sch. Er hatte viele Visio­nen und das Gespür für Fortschritt. Immer­hin gab es im Schloss Tele­fon. Und er zahlte seinen Bauar­beit­ern Krankengeld.“

Da liegt es auf der Hand, dass diese zier­liche Frau einen zum Mann genom­men hat, der sie täglich oder stündlich an den bay­erischen Monar­chen erin­nert. Marc Gremm heißt er und ist wie sie Profisänger. In den let­zten Musical-Inszenierungen verkör­perte er den König. Sisi und Lud­wig, wohn­haft im All­gäu, sie aus den USA, er aus dem würt­tem­ber­gis­chen Kirchheim/Teck: Ein Traumpaar, wie es der beste Heimat­film nicht besser hätte insze­nieren kön­nen. Beide sind dem Mythos Lud­wig II. ver­fallen. Weshalb sie jedes Jahr Ende August/Anfang Sep­tem­ber anlässlich des Geburt­stags des Monar­chen zur Ludwig-Gala ein­laden. Für Janet Marie Chvatal und Marc Gremm ist das Inter­esse an Lud­wig eine Selb­stver­ständlichkeit: „Wer  ins All­gäu kommt, muss sich auch mit dem früheren König auseinan­der­set­zen.“ Jährlich 1,3 Mil­lio­nen Men­schen denken ähnlich.

Freddy Schissler

 

Sehenswertes auf Neuschwanstein:

Sänger­saal: Der prunk­volle Saal mit Wand­bildern und Motiven aus Tris­tan, Lohen­grin und anderen Wagner-Opern, ähnelt der Sänger­halle in der Wagner-Oper Tannhäuser. Lud­wig II. ließ ihn errichten, um dort Konz­erte zu ver­anstal­ten. Dazu ist es allerd­ings auf­grund seines frühen Todes nicht mehr gekom­men. Dafür finden heute jedes Jahr die Schlosskonz­erte mit namhaften Orch­estern statt. Jedes Jahr im Sep­tem­ber locken sie ein inter­na­tionales Pub­likum an diesen märchen­haften Ort.

Thron­saal: Ein reich verzierter Saal im byzan­ti­nis­chen Stil, der sich über zwei Stock­w­erke erstreckt. Dem Namen wird dieser Raum allerd­ings nicht ganz gerecht. Denn einen Thron gibt es hier nicht. Der Grund: Bevor Lud­wig II. Größe und Form des Throns bes­tim­men kon­nte, starb er. Die Ausstat­tung des Saals allerd­ings hatte er noch anord­nen kön­nen. Er sollte ihn an die Münch­ner Aller­heili­genkirche erin­nern. Aber auch Ähn­lichkeiten mit der Sophienkirche in Kon­stan­tinopel erkennt man. Die Wände zieren zahlre­iche Bilder. Zum Beispiel jenes Motiv, das Chris­tus in der Glo­rie mit Maria und Johannes inmit­ten von Engeln zeigt.

Schlaf– und Badez­im­mer: Nicht nur Sänger– und Thron­saal ließ der bay­erische Monarch prunk­voll her­richten, selbst das Betreten des Badez­im­mers musste ein Aha-Erlebnis sein. Sicht­barer Beweis dafür: Die kipp­bare Waschschüs­sel aus Sil­ber, ein­ge­lassen in eine dunkel­blaue Mar­mor­platte des Waschtischs. Oder der Wasser­spender. Er ähnelt einem mächti­gen Schwan und ist in ver­sil­bertem Bronze gearbeitet.

Speisez­im­mer: Ein kleines Zim­mer, da der König keine Gesellschaft mochte beim Essen. Allerd­ings wollte er auch in dieser Räum­lichkeit nicht auf die Kunst verzichten und so ent­deckt man hier eben­falls span­nende Malereien.

Küche:  Sie wurde, bedenkt man die Zeit damals, mit mod­ern­ster Tech­nik aus­ges­tat­tet. Zum Beispiel mit einem großen Herd und einem Back­ofen.
Man ent­deckt zudem eine Anrichte, eine große und eine kleine Spießbraterei oder eine Ros­t­braterei, die sogar eine Vor­rich­tung bot, in der die Teller warm gehal­ten wer­den kon­nten. Gle­ich neben der Küche befinden sich der Anrichter­aum mit einge­bautem Geschirrschrank und ver­glaster Loge für den Küchenchef sowie die Spülküche.

Das Schloss ist fast das ganze Jahr für Besucher geöffnet. Ein­treten kann man allerd­ings nur im Rah­men einer Führung, die eine gute halbe Stunde dauert. Der Besucher sollte sein Auto spätestens in Hohen­schwan­gau ste­hen lassen und dann entweder zu Fuß, mit dem Bus oder der Pfer­dekutsche zum Schloss Neuschwanstein auf­brechen, um sich hier eine wenig verza­ubern zu lassen.

www.neuschwanstein.de

 

Foto: © Füssen Touris­mus und Marketing/www.guenterstandl.de